CIEDE2000 + ΔΔλ*
Ein duales Kriterium für Farbabstand und atlasgebundene Strukturdrift.
Executive Summary
CIEDE2000 ist weiterhin eine zentrale und wertvolle Farbdifferenzformel. Sie beschreibt, wie groß der wahrnehmungsnahe Farbabstand zwischen zwei Farbproben ist.
Dieses Whitepaper schlägt keine Ablösung von CIEDE2000, FOGRA, ICC, Proofing, Metamerie-Indizes oder visueller Bewertung vor. Es schlägt eine Ergänzung vor: eine zweite Achse für atlasgebundene Strukturdrift.
Ausgangslage
Die industrielle Farbkontrolle arbeitet seit Jahrzehnten mit Farbdifferenzmetriken. ΔE00 beantwortet eine wichtige Frage:
Wie weit liegen zwei Farberscheinungen auseinander?
Es beantwortet jedoch nicht vollständig, ob die spektrale Struktur stabil ist, ob die Atlasreferenz erhalten bleibt oder ob eine Probe strukturell gegenüber dem Master driftet.
Identität ist nicht Abstand
Im HLC Colour Atlas XL / ARBE λ*-System ist Farbidentität ausschließlich über eine gültige Atlasreferenz definiert:
Hxxx_Lxxx_Cxxx
Lab, ΔE00, λ*_V2, λ*_EE, Δλ*, μ₂, σ* und μ₃ sind Attribute. Sie beschreiben eine Referenz, ersetzen aber nicht ihre Identität.
HARD-STOP-Prinzip
Eine formal ähnlich aussehende Zeichenfolge reicht nicht aus. Die Referenz muss im Atlas tatsächlich existieren. Wenn die Referenz nicht existiert, gilt das HARD-STOP-Prinzip: keine atlasgebundene Aussage, keine Analyse, keine Näherung, keine Ersatzreferenz.
No valid Hxxx_Lxxx_Cxxx reference → no atlas-bound statement.
Das duale Kriterium
Das Modell bewertet Farbqualität auf zwei komplementären Achsen: perzeptive Nähe und atlasgebundene Strukturstabilität. Dadurch wird eine Risikozone sichtbar, die in rein distanzbasierten Freigaben verdeckt bleiben kann.
Definition von Δλ* und ΔΔλ*
Für eine gültige Atlasreferenz enthält der Master die strukturellen Attribute λ*_EE(master), λ*_V2(master) und Δλ*(master). Für eine Probe derselben Atlasreferenz werden die entsprechenden Probe-Attribute bestimmt.
ΔΔλ* = Δλ*(probe) − Δλ*(master)
λ*_V2 ist nur gültig als eindeutige, Brent-basierte Wurzel der atlasdefinierten ARBE-Balancefunktion. Vereinfachte Näherungen sind keine gültigen ARBE-Attribute.
QC-Statuslogik
Die Schwellen gelten für die Drift ΔΔλ*, nicht für den absoluten Masterwert. Material-, Substrat-, Hue- oder Chroma-abhängige Skalierungen sollten gesondert validiert werden.
Verhältnis zu FOGRA, ICC und Proofing
Dieses Modell macht FOGRA, ICC-Profile oder Proofing nicht überflüssig. Die Ebenen unterscheiden sich:
Bestehende Standards bewerten Prozess- und Farbtoleranz. ARBE/HLC ergänzt eine atlasgebundene Strukturebene.
Verhältnis zu Metamerie-Indizes
Metamerie-Indizes bleiben wichtig. Sie bewerten Farbabweichung unter definierten Änderungen von Beobachter, Lichtart oder Simulationsbedingung.
ΔΔλ* ersetzt diese Verfahren nicht. Es arbeitet vorgelagert: Es zeigt, ob die atlasgebundene Struktur gegenüber dem Master driftet, bevor eine spezifische Sekundärbedingung gewählt wird.
Metamerische Risikozone und Grenzen von ΔE00 allein
Ein kleiner ΔE00-Wert beweist keine spektrale Gleichheit. Ebenso definieren spektrale Kreuzungen allein keine Metamerie. Aussagekräftig wird erst die Kombination aus kleiner Farbdistanz, nicht-identischen Spektren, Kreuzungsstruktur und verbleibendem XYZ-Rest.
Eine erhöhte ΔΔλ*-Drift ist daher kein automatischer Metamerienachweis und kein automatischer Ablehnungsgrund. Sie ist ein präziser Hinweis auf strukturierten Prüfbedarf.
Beispiel: akzeptabler ΔE00-Wert, erhöhte ΔΔλ*-Drift
In einem Freigabeprozess für Packaging, Automotive Trim, Beschichtung oder Textil kann eine Lieferung unter definierter Betrachtungsbedingung innerhalb des vereinbarten ΔE00-Korridors liegen. Sie kann also zunächst akzeptabel erscheinen.
Das duale Kriterium ergänzt die zweite Frage:
Ist |ΔΔλ*| gegenüber dem Atlas-Master erhöht?
Falls ja, wird die Probe nicht automatisch als metamer und nicht automatisch als visuell falsch klassifiziert. Sie wird als atlasgebunden strukturell driftend markiert und kann je nach Status eine Zweitprüfung auslösen.
Öffentliche Kernaussage
CIEDE2000 misst perzeptiven Farbabstand.
Metamerie-Indizes bewerten definierte Wechselbedingungen.
FOGRA validiert Prozesskonformität.
ΔΔλ* bewertet atlasgebundene Strukturdrift.
Nicht-Behauptungen
Das Whitepaper behauptet nicht, dass CIEDE2000 ungültig, FOGRA überholt, ICC unnötig oder Metamerie-Indizes redundant seien. ΔΔλ* ersetzt keine visuelle Bewertung und ist kein automatischer Metamerienachweis.
Schlussfolgerung
Die Geschichte der Farbdifferenzbewertung ist eine Geschichte immer besserer Distanzmetriken. Diese Entwicklung bleibt wertvoll. Doch Distanz ist nicht Identität, und Distanz ist nicht Struktur.
Mit ΔE00 + ΔΔλ* entsteht ein duales Bewertungsmodell aus perzeptiver Nähe und atlasgebundener Strukturstabilität.